Die Rekalibrierung eines Kolosses
Wie die Traditionsmarke PREFA vom Dach befreit und ein Industrie-Designsystem von mathematischer Härte geschaffen wurde.
Executive Summary
Im Jahr 2019 stand das traditionsreiche Industrieunternehmen PREFA (gegründet 1946 in Marktl/Lilienfeld, Österreich) vor einer strategischen Diskrepanz zwischen Produktwirklichkeit und Markenwahrnehmung: Während sich das Portfolio von der historischen Aluminium-Dachplatte längst zu einem ganzheitlichen Gebäudehüllensystem aus Fassadenpaneelen, Dachentwässerung, Strangpressprofilen und Hochwasserschutz ausgewachsen hatte, hielt der seit 2001 etablierte Slogan „Das Dach, stark wie ein Stier!“ die Marke mental im Dachstuhl gefangen.
Aus der ursprünglichen Aufgabenstellung, Werbemittel und Publikationen zu überarbeiten, entwickelte sich eine methodische Neuausrichtung des gesamten Corporate Designs. Verantwortlich für Konzeption, Art Direction, geometrische Rekalibrierung und Systementwicklung, entstand ein durchgängiges Gestaltungssystem, das Handwerk und High-End-Architektur gleichermaßen souverän abbildet:- Das 57er-Raster: Zerlegung jedes Formats in 57 proportionale Module als universelles Bindeglied zwischen responsivem Layout und Printproduktion.
- Strategische Entfesselung: Reduktion des Claims auf „Stark wie ein Stier“ – vom reinen Werkstoffmerkmal zum alltagssprachlichen Qualitätsurteil.
- Geometrisches Rebalancing: Mathematische Neuverankerung des aus der Balance geratenen Wappentiers über ein relatives Koordinatensystem.
- Feuerprobe Gesamtkatalog: Parallele Gestaltung des 100-seitigen Flaggschiff-Katalogs als Echtzeit-Belastungstest für das entstehende Regelwerk.
- Systemische Skalierung: Ein einheitliches Ökosystem für 16 europäische Ländermärkte – vom 48-Pixel-Icon-Set über Brand Extensions (PREFA SOLAR, PREFA Academy, Exklusiv Partner) bis hin zum interaktiven PowerPoint-HUD.
Die Ausgangslage
Gefangen unter dem Dachstuhl
Das Corporate-Identity-Handbuch von 2015/2016 fixierte ein Regelwerk, das dem realen Wachstum des Unternehmens nicht mehr gewachsen war:
- Die Kategorieschranke: Die Wortkombination „Das Dach“ war fest mit dem Signet gekoppelt. Für ein Portfolio, dessen Vorzeigeobjekte zunehmend skulpturale Fassadenarchitekturen waren, wirkte diese Festlegung limitierend.
- Visuelle Unruhe: Als Standard-Aufzählungszeichen schrieb das 2015er-Manual ein signal-rotes Ausrufezeichen vor. Fließtexte und Infoboxen wirkten dadurch werblich übersteuert statt technisch präzise.
- Starre Maßtabellen: Layouts wurden über feste Millimeterangaben pro Format geregelt. Sobald Sonderformate, extreme Querformate oder digitale Interfaces bedient werden mussten, brach die gestalterische Konsistenz in sich zusammen.
Der strategische Schnitt
Semantischer Shift
Die entscheidende Weichenstellung begann auf der Textebene: Die Tilgung der Worte „Das Dach“. Die gezielte Verkürzung auf „Stark wie ein Stier“ erzielte zwei fundamentale Effekte:
- Kategorie-Öffnung: PREFA beansprucht die gesamte Gebäudehülle – Dach, Fassade, Entwässerung und Schutzsysteme.
- Bedeutungswandel: Das Wort „Stark“ wandelte sich von der reinen Beschreibung mechanischer Widerstandskraft (Hagelsicherheit, Schneelast) zur umgangssprachlichen Qualitätsaussage: „Das ist stark!“ – im Sinne von ästhetisch überlegen, intelligent gelöst und meisterhaft verarbeitet.
Der Entry Point
Die mathematische Zähmung des Stiers
Die Streichung des linken Textblocks änderte die bisherige Scheinsymmetrie der Wort-Bild-Marke. Bei der formalen Analyse offenbarte das Signet erhebliche Konstruktionsmängel:
- Instabiles Kippmoment: Da der Stier auf der linken Seite durch Nacken und Hornpartie extrem viel visuelle Masse bündelte, nicht exakt im geometrischen Mittelpunkt stand und kaum inneren Freiraum zur Außenkante besaß, zog diese einseitige Massenkonzentration die gesamte Scheibe nach oben. Der rote Kreis verlor seine zentrierte Ruhe und wirkte wie ein Rad, das unkontrolliert wegzurollen drohte.
- Erdrückte Wortmarke: Der Schriftzug PREFA klebte am unteren Kreisbogen, bedrängt von den Hufen des Tiers.
Die Konstruktionsformel des Signets
Statt das Markenzeichen radikal zu brechen, wählte ich den Weg einer mathematisch präzisen geometrischen Neuverankerung:
- Der Tangential-Schnitt: Um die Silhouette des Stiers wurde ein Umkreis gelegt, der an exakt drei Außenkanten anliegt. Über diese drei Punkte wurden der geometrische Mittelpunkt und der Radius ermittelt.
- Die Grundeinheit: Der Radius wurde durch 10 geteilt (x = R / 10). Dieses relative Modul bildete das geschlossene Inertialsystem des Logos.
- Der Raumgewinn (2x): Der Abstand zwischen Stier-Silhouette und Kreisbegrenzung wurde verdoppelt. Das Tier erhielt physische Standfestigkeit und visuellen Weißraum.
- Befreiung der Wortmarke: Der historische Schriftzug PREFA blieb in seiner Form unver-ändert, wurde jedoch räumlich neu fixiert: Die Oberkante wurde exakt 6x vom Mittelpunkt distanziert, die Unterkante mit exakt 1x Abstand zur Kreislinie positioniert.
Der optische Schwerpunkt
Die eigene Maßeinheit
Raum zum Atmen
Die finale Verankerung
Das Formelwerk
Das Gesetz der 57 Einheiten
Um manuelle Messungen, zeitaufwendige Vorbereitungen und Willkür in 16 europäischen Landesgesellschaften zu unterbinden, verwarf ich statische Millimetertabellen. Ausgehend von einem 12-Spalten-Layout entwickelte ich ein proportionales Rastersystem.
Die proportionale Herleitung
Ein klassisches 12-Spalten-Layout benötigt Spalten, Stege und Außenränder. Setzt man für eine Spalte die relative Breite 3x, für den Spaltenabstand 1x und für die beiden Außenränder jeweils 5x an, ergibt sich die Gesamtbreite über eine einfache Addition:
- 12 Spalten zu je 3x = 36x
- 11 Stege zu je 1x = 11x
- 2 Ränder zu je 5x = 10x
- Summe: 36x + 11x + 10x = 57x Einheiten
- Dynamische Grundeinheiten: Die Modulgrößen berechnen sich direkt aus Formatbreite geteilt durch 57 sowie Formathöhe geteilt durch 57.
- Systemische Verankerung: Ränder (5x), Spalten (3x), Stege (1x), Standard-Logobreite (7x), Störer (13x) und URL-Breite (9x) rasten direkt auf den berechneten Modulen ein.
Interaktive Darstellung des PREFA-57er-Rasters: 5x Ränder, 12 Spalten à 3x mit 1x Stegen, Logo 7x und URL 9x auf A4 hoch, A4 quer, Plakat, PowerPoint-Folie und LA4-Folder.
Jedes Format wird in Breite und Höhe durch 57 geteilt. Wechseln Sie das Format: Raster, Logo und URL wandern mit – und das Logo bleibt im Hoch- wie im Querformat exakt 7x groß.
Zielgruppen-Duktus
Bild-Text-Balance statt Marken-Spaltung
PREFA bedient zwei gegensätzliche Welten: pragmatische Handwerker und Spengler einerseits, anspruchsvolle Architekten andererseits. Statt die Marke aufzuspalten, steuert das Corporate Design die Wahrnehmung über die Gewichtung im selben Raster:
Handwerk & Verarbeiter
Im Verarbeiter- und B2C-Segment dominieren signalstarkes PREFA-Rot (CMYK 0/100/100/0), plakative Störer mit Neigung und exponierte Garantielogos (40 Jahre Material- und Farbgarantie). Die Typografie wird angeführt von der wuchtigen DIN Pro Condensed Black.
Architektur & Planung
Auf Image-Seiten und Referenzdokumentationen zieht sich das Branding dezent zurück. Die Farbwelt konzentriert sich auf die neutralen Stufen PREFA Grau 01 bis 05. Störer werden kreisrund und monochrom integriert, Garantielogos werden standardmäßig eliminiert, um die reine architektonische Textur des Bauwerks wirken zu lassen. Die Fließtexte in der warmen ITC Slimbach Antiqua treten in einen ausgewogenen Dialog mit dem Bildmaterial.
Mikrotypografie & Sprachen-Sanierung
- Das Not-Sign als architektonisches Motiv: Als Ersatz für das laute Ausrufezeichen etablierte ich das mathematische Negationszeichen ¬ (Unicode 00AC) als Aufzählungszeichen. Es zitiert formal die profilierte Dachkante, den Scharenfalz und den rechtwinkligen Kantversatz von Fassadenpaneelen. Gleichzeitig korrespondiert es direkt mit der Corporate Line, die als Trennstrich zwischen Headline und Subline fungiert.
- Internationalisierung (CE-Upgrade): Die Hausschrift ITC Slimbach besaß im Ursprungsbestand keine Unterstützung für osteuropäische Sprachen. Durch den konzernweiten Zukauf und die Umstellung auf ITC Slimbach Pro / CE wurden 16 europäische Landesmärkte typografisch vereinheitlicht und barrierefrei bespielbar gemacht.
Der Stresstest
Gesamtkatalog 2020
Die praktische Bewährungsprobe erfolgte unter Echtzeit-Bedingungen: Während die Regelwerksdefinitionen finalisiert wurden, setzte ich parallel den 100-seitigen Gesamtkatalog 2020 auf Basis nativer InDesign-Strukturen um. Das System bewies hierbei seine Robustheit: keine tagelangen Vorbereitungen oder zeitraubenden Ausmessungen – Grid aufziehen, Logo und Textcontainer platzieren, produzieren.
Die Klippe: Doppelseite „10 gute Gründe“
Auf den Seiten 10 und 11 kulminierte die Informationsdichte unter extremen Bedingungen: Zehn eigenständige Argumentationsblöcke, Leistungsversprechen, QR-Code-Störer und Objektnachweise mussten auf einem einzigen, formatfüllenden Panoramafoto der Seethalerhütte am Dachstein (2.740 m) platziert werden.
Statt mit künstlichen Textkästen das Bild zu zerschneiden, wurde das gesamte Bild als offener Raum genutzt:
- Asymmetrischer Textfluss: Die zehn Argumente verteilen sich organisch im ruhigen Himmelsbereich über dem Felsmassiv – sechs Punkte links auf Seite 10 (aufgeteilt in zwei Spalten zu je drei Zeilen: 1 bis 6) und vier Punkte rechts oben auf Seite 11 (in zwei Spalten zu je zwei Zeilen: 7 bis 10).
- Typografische Integration: Jeder Punkt wird von einer markanten, großen Ziffer in DIN Pro angeführt, die über eine feine weiße Linie direkt in die Headline übergeht. Sämtliche Texte stehen in reinem Weiß mit optimalem Kontrast direkt auf der atmosphärischen Dämmerungsstimmung des Gebirges.
- Dramaturgischer Schlusspunkt: Die rechte untere Bildhälfte gehört unbeschnitten dem alpinen Schutzhaus. Unmittelbar darunter verankert der monumentale Headline-Block in fetter DIN Pro („10 GUTE GRÜNDE“) und die Subline in Slimbach („Das wirklich Starke zeigt keine Schwächen. Garantiert PREFA.“) die gesamte Doppelseite, während links unten der gestri-chelte Störer mit QR-Code den Übergang in die digitale Vertiefung bildet.

Modulare Skalierung
Vektorsysteme, Brand Extensions & HUD
Die Praxistauglichkeit des Systems zeigte sich in den darauf aufbauenden Ausbaustufen und Systemerweiterungen:
Supporting Graphics & Vektorsystem
Um heterogene Stock-Grafiken und visuellen Wildwuchs dauerhaft auszuschließen, konzi-pierte ich ein eigenständiges Illustrations- und Animationssystem:
- Grid-Logik: Icons auf einem strikten 48px * 48px Grid, Piktogramme auf 128px * 128px mit exakt 2px Schnitt-Freiraum bei Objektverdeckungen für plastische Tiefenwirkung ganz ohne Schatteneffekte.
- Farbsystem: Eine Palette aus 24 Grundfarben in jeweils drei Helligkeitsstufen (72 Nuancen), direkt abgeleitet aus realen Produktlackierungen (Oxydrot, Moosgrün, P.10 Steingrau) inklusive „Fast Weiß“ für weiße Hintergründe.
- Figurenanatomie: Gesichtlose Figuren mit Gelenkpunkten für Puppet-Animationen zur schnellen, konsistenten Erklärfilmproduktion ohne stilistische Ausreißer.
Brand Extensions im geschlossenen System
- PREFA Academy: Als konzentrisches Siegelbadge aufgebaut – der rekalibrierte Stier im Kern, oben die Stamm-Wortmarke, unten ACADEMY in bogengespannter DIN Pro. Das Wappen verleiht dem handwerklichen Schulungssystem universitäre Würde.
- PREFA SOLAR: Da die photovoltaische Dachplatte als Kernprodukt der Zukunft positioniert wurde, hob man PREFA SOLAR direkt auf die Ebene der Muttermarke.
- PREFA TeamNet: Für das interne Mitarbeiter-Portal verschmolzen zwei dialogische Sprechblasen mit der Silhouette des Stierkopfes; die Schwänze der Blasen formen exakt den Schwung der Stierhörner nach.
- Exklusiv Partner Badge: Das Qualitätssiegel für Fachbetriebe übersetzt das Logo-x in eine hochwertige vertikale Plakette mit definierten Radien und exakt eingezogenen Textbändern.




Das interaktive PowerPoint-HUD
Für Schulungen und Workshops („Digital.Jetzt!“) entwickelte ich ein non-lineares Navigations-Interface direkt in Microsoft PowerPoint. Ein radiales Menü, segmentiert mit der Schuppentextur der charakteristischen Aluminium-Wandrauten, fächert per Klick Teilprozesse auf, fokussiert Themen und rückt die jeweiligen Piktogramme ins Zentrum.
Fazit
Die Evolution im Direktvergleich
Marken-Claim
- Vorher (2015): Einschränkend und kategoriespezifisch („Das Dach ...“)
- Nachher (2020): Kategoriefreies Qualitätsurteil („Stark wie ein Stier“)
Signet & Wappentier
- Vorher (2015): Instabiles Kippmoment, erdrückte Wortmarke am Kreisrand
- Nachher (2020): Über drei Tangenten zentriert, verdoppelter Freiraum, geometrisch stabili-siert
Layout-Raster
- Vorher (2015): Starre, fehleranfällige Millimeter-Vorgaben je Formatklasse
- Nachher (2020): Universelles 57er-Raster als proportionale Brücke zwischen Print und Digital
Mikrotypografie
- Vorher (2015): Werblich lautes Ausrufezeichen (!) als Aufzählungszeichen
- Nachher (2020): Architektonisches Not-Sign (¬), abgeleitet von der Falzkante
Grafik-Assets
- Vorher (2015): Fragmentierte, stilistisch inkonsistente Stock-Elemente
- Nachher (2020): Geschlossenes Vektor-Ökosystem mit 72 Tönen aus echten Produktfarben
Medien-Horizont
- Vorher (2015): Stark printlastiges, additives Regelwerk
- Nachher (2020): Skalierbar über Print, Web, Bewegtbild, Apps und interaktive HUD-Präsentationen